Blutwerte bei einer Chemotherapie

Eine Chemotherapie hat viele Nebenwirkungen. Einige davon sind äußerlich erkennbar, dazu gehört etwa Haarausfall. Andere hingegen sind nicht direkt sichtbar, können aber schwerwiegende Folgen haben. Blutwerte bei einer Chemotherapie unterscheiden sich stark von den Normalwerten – mit Folgen für Immunsystem, Wohlbefinden und Gesundheit.

Krebszellen teilen sich wesentlich schneller und häufiger teilen als die  gesunden Zellen, aus denen sie hervorgegangen sind. Deshalb greift eine Chemotherapie schnell wachsende Zellen an und tötet diese ab. Hiervon bleibt auch das blutbildende System und dessen Stammzellen nicht verschont. Dies führt unter Umständen zu einer starken Verringerung der Blutwerte bei einer Chemotherapie. Betroffen sind ErythrozytenLeukozyten oder Thrombozyten.

Die Ausmaße der Blutbildveränderungen sind stark von dem jeweiligen Patienten und der Behandlungsmethode abhängig. Sie lassen sich nicht verhindern oder stärker beeinflussen. Wichtig ist, dass Dein behandelnder Arzt und Du selbst Ihre Blutwerte immer im Blick haben.

Die unten angegebenen Werte stammen aus meiner Hodgkin-Lymphom Chemotherapie. Diese können dir zeigen, wie deine Werte sich verändern könnten, aber nicht müssen. Einige Betroffene haben mehr mit ihren Blutwerten zu kämpfen, andere weniger stark. Bei anderen Krebsarten mit anderen Chemotherapien können die Blutwerte komplett verschieden sein!

Leukozyten - Immunsystem geschwächt

Die Hauptaufgabe der Leukozyten ist die Abwehr von Krankheitserregern. Da diese Zellen durch die Chemotherapie zerstört werden, haben Patienten ein mitunter stark geschwächtes Immunsystem und müssen spezielle Vorsichtsmaßnahmen ergreifen. Eine Ansteckung mit Krankheitserregern kann deutlich schwerer verlaufen, als dies normalerweise der Fall wäre. Normal sind Werte zwischen den roten Linien, 4500 Zellen/µl und 10.000 Zellen/µl. Bei Kindern und Babies liegen die Normalwerte deutlich höher!

Das Bild zeigt den Zeitverlauf meiner Leukozyten im Blut. Besonders gefährlich sind die Phasen unterhalb der unteren roten Linie. Hier liegen die Werte unterhalb des Normalbereiches, eine typische Nebenwirkung der Chemotherapie. Dadurch kann sich der Körper gegen Krankheitserreger nicht ausreichend wehren. In dieser Zeit ist es deshalb besonders wichtig, sich selbst zu schützen und z.B. Menschenansammlungen und Kranke zu meiden. Die zeitweise extrem erhöhten Werte resultieren aus der Gabe von knochenmarkstimulierenden Mitteln, die die Leukozytenbildung anregen.

Hämoglobin - Sauerstoff für die Zellen

Das Hämoglobin ist ein Protein der roten Erythrozyten (roten Blutkörperchen). Es verleiht dem Blut seine rote Farbe und wird auch als Roter Blutfarbstoff bezeichnet. Seine Hauptaufgabe ist, Sauerstoff von der Lunge über das Blut in die Zellen zu transportieren. Normal sind Hämoglobinwerte zwischen 14 – 18 g/dl bei Männern und  12 – 16 g/dl bei Frauen. 

Sinkt der Hb-Wert unter den Normalbereich zwischen den roten Linien, wird nicht mehr genügend Sauerstoff in die Zellen transportiert. Als Folge fühlen Betroffene sich müde. Außerdem folgt ein Leistungsabfall und eine schnelle Ermüdbarkeit. Außerdem vermindert sich die Konzentrationsfähigkeit. In schlimmeren Fällen kommt es zu Ohnmacht. Der Körper versucht durch eine beschleunigte Atmung und erhöhten Herzschlag die Sauerstoffversorgung aufrecht zu erhalten.

Die Blutwerte bei einer Chemotherapie verändern sich in zyklischen Abständen. So war es auch bei mir. Irgendwann sank mein Hb-Wert auf nur noch 7 g/dl. Ich hatte einen erhöhten Herzschlag, konnte mich nicht konzentrieren und war teilnahmslos. Diese Empfindungen sind sehr unterschiedlich. Während einige Betroffene auch mit einem Hb-Wert von 3 g/dl noch fröhlich durch die Gegend laufen, sind andere Betroffene bereits ab einem Wert knapp unterhalb des Normalwertes bereits stark eingeschränkt. Generell gilt: Ein niedriger Hb-Wert ist gefährlich. In einer Chemotherapie wird durch die Gabe von Blutkonserven gegengesteuert. Dadurch fühlt man sich schlagartig besser und der Hb-Wert steigt an.

Thrombozyten - Blutungen verhindern

Aufgabe der Thrombozyten im Blut ist die Blutgerinnung. Sie sorgen dafür, dass Blutungen gestoppt werden, indem sie sich bei der Verletzung eines Blutgefäßes an das umliegende Gewebe anheften. Dabei setzen sie gerinnungsfördernde Stoffe frei, die die Blutung stillen. Normalerweise haben Männer und Frauen 150.000 – 350.000 Zellen/μl. Der Wert kann aber ohne im Normalfall während einer Chemotherapie stark sinken, ohne dass dies kurzfristig gesundheitliche Folgen hat.

Den Abfall an Thrombozyten bemerkt man normalerweise nicht. Auch ist eine Depression dieser Zellen nicht direkt schädlich oder beeinflusst den Körper. Allerdings sind diese Zellen Elementar wichtig. Der tiefste Wert während meiner Chemotherapie lag bei 21.000 Zellen/μl. Weiter sollte der Wert auch nicht sinken. Es kann zu spontanen Blutungen aus der Nase kommen. Auch kleine, stecknadelgroße Blutergüsse in der Haut sind ein Zeichen für zu niedrige Thrombozyten. Im schlimmsten Fall kann die Blutung bei einer Verletzung nicht gestillt werden oder es kommt zu Blutungen im Darm oder Hirn.

Blutwerte bei einer Chemotherapie verbessern

Die Blutwerte bei einer Chemotherapie lassen sich nicht mit herkömmlichen Mitteln beeinflussen. Ursache für die Verringerung der Zellen ist das Absterben durch Zytostatika der Chemotherapie. So kann auch das Ergänzen von Eisen, wie es normalerweise bei einem niedrigen Hb-Wert empfohlen wird, keine Verbesserung bringen. Das habe ich bei meinem Blutbild-Crash selbst versucht, brachte allerdings nichts. Der Mangel an Zellen entsteht nicht durch einen Mangel an bestimmten Zellbausteinen, sondern durch das Absterben der Zellen. Trotzdem ist es auch nicht schädlich, diese Mittel zu sich zu nehmen. Vielleicht ergibt sich ein positiver Effekt auf die Neubildung der Zellen.

Beeinflusst werden kann der Hb-Wert durch die Gabe von Blutkonserven (Erythrozytenkonzentrat), wie es bei mir im vierten Chemotherapiezyklus geschehen ist. Thrombozyten lassen sich durch Thrombozytenkonzentrat erhöhen. Auch dies wird aus Blutkonserven gewonnen, herausgefiltert und konzentriert. 

Leukozyten durch Filgrastim erhöhen

Leukozyten sind sehr kurzlebig. Je nach Art von Leukozyten leben diese wenige Stunden bis eine Woche. Deshalb ist es nicht möglich, diese Zellen durch eine Blutspende an einen Empfänger abzugeben. Leukozyten Blutwerte bei einer Chemotherapie lassen sich auf diesem Wege also nicht beeinflussen. Stattdessen werden spezielle Mittel verwendet, die das Knochenmark anregen, bestimmte Leukozyten zu bilden.

Als Wirkstoff enthalten diese Mittel Filgrastim oder Pegfilgrastim. Ersteres muss in der Phase niedriger Leukozyten jeden Tag gespritzt werden, während Pegfilgarstim nur einmal pro Zyklus verabreicht wird.

Ich habe beide Varianten ausprobiert. Für mich persönlich war es besser, mich täglich selbst mit Filgrastim (Neupogen®) zu spritzen. Durch mein geringes Gewicht, aber einer Dosis für alle Patienten, ob 70kg oder 150kg, hatte ich im dritten Zyklus extreme Nebenwirkungen durch Pegfilgrastim (Neulasta®). Allerdings war es hier angenehmer, sich nur einmal spritzen zu müssen.

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3 Antworten

  1. Julez sagt:

    Hallo Maurice,
    Danke für diesen tollen Blog-Artikel – sehr schön kurz & bündig das Wichtigste verständlich aufbereitet! Ich habe ebenfalls Hodgkin und beschäftige mich gerade auch mit meinen Blutwerten. Als ebenfalls Wirtschaftsingenieur habe ich mir auch so eine Excel gebastelt um meine Werte zu tracken 😉 Hast du dafür ggf. eine App gefunden oder die Grafiken selbst erstellt? Ich denke nämlich gerade über eine „Blutwerte Tracker“-App dafür nach und würde mich gerne mit dir als Experten austauschen über deine Erfahrungen, falls du Lust hast. Ich wünsche dir alles Gute und viel Kraft!!! LG Julez

    • Morris sagt:

      Hallo Julez,
      vielen Dank für Dein Lob! Zunächst einmal hoffe ich, dass es Dir gut geht und Du gut auf Dich aufpasst! Nun, dann sind wir ja quasi Kollegen, nur scheinst du mehr Ahnung von Programmierung zu haben als ich. Ich habe die Grafiken selbst mit Excel erstellt, einen Tracker habe ich nicht gefunden. Apps, die ich gefunden habe, funktionierten nicht zu meiner Zufriedenheit. Wenn Du Fragen hast, kannst du mir sonst auch gerne eine Mail oder Nachricht schreiben.

      Alles Gute und viele Grüße 🙂
      Maurice

  2. Saskia sagt:

    Danke für den interessanten Beitrag. Ich habe meine Blutwerte bisher in eine Tabelle geschrieben, ein grafischer Verlauf stellt das ganze aber noch besser dar. Jetzt weiß ich, was noch auf mich zukommt.

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